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Naturwissenschaftlicher Verein Osnabrück:

Running Chicken Nebula IC 2944 und IC 2948

Bericht von Dr. Burkhard Lührmann, August 2023

 

Die astronomische Beobachtung und Fotografie kann hier in kalten Nächten bisweilen anstrengend und unangenehm sein. Ganz anders verhält es sich in Namibia auf der Rooisand Desert Ranch [1]. Im dortigen Herbst 2022 umschmeichelten mich drei Wochen wohl temperierte Nächte und jeglicher erdenkbarer Komfort am Tage. Um Sonnenterrasse und Pool gruppieren sich Restaurant, Bar und diverse gemütliche Rückzugsorte unter schattigen Dächern zur Datenaufarbeitung der jeweils vergangenen nächtlichen Messungen. Grüne und blühende Gartenanlagen lassen kaum vermuten, dass man sich auf 1.200 Metern Höhe inmitten der Dornbuschsavanne befindet. Genau hier begebe ich mich auf die Suche nach dem Rennenden Huhn.

Abbildung 1: Blick vom lauschigen Plätzchen zum Mittelpunkt der Rooisand Desert Ranch (Panorama)

In der ersten Nachthälfte geht die Milchstraße steil über den Horizont auf und schiebt ihr südliches Ende voran. Mein Vereinskollege Werner hat sie fotografisch festgehalten. Zwei weitwinklige Einzelbilder (24 mm Brennweite an EOS 6D) sind in der folgenden Abbildung zusammengesetzt worden.

Abbildung 2: Über Horizont aufgehendes Milchstraßenzentrum und südlicher Ausläufer

Knapp über dem Horizont liegt das Zentrum der Milchstraße mit der hellen Großen Schützenwolke. Nach oben rechts führt uns das südliche Ende zum weiß-blau schimmernden Sagittarius-Arm. Wie bereits in meinen Berichten „Eta-Carinae-Nebel NGC 3372“ [2] und „Statue of Liberty Nebula NGC 3576“ [3] liegt auch dieses Mal mein fotografisches Ziel wieder in diesem Bereich. Der weiße Rahmen markiert den Himmelsausschnitt der folgenden Abbildung.

Abbildung 3: Südliches Milchstraßenende (Panorama)

Dieser Darstellungsbereich ist ein Ausschnitt aus einem aus sechs Teilbildern bestehenden Mosaik. Die weißen gestrichelten Rahmenlinien bezeichnen das Himmelsareal im Sternbild Carina (Schiffskiel), welches in beiden oben erwähnten Berichten [2][3] bereits diskutiert wurde. Im ersten dieser Berichte befinden sich ausführliche Informationen zur Erstellung des Panoramas. Die Milchstraße ist hier genau horizontal ausgerichtet.

Der Bereich des weißen durchgezeichneten Rahmens liegt im Sternbild Centaurus (Zentaur) und ist in folgender Abbildung im äquatorialen System herausgestellt.

Abbildung 4: IC 2944 und weitere Umgebung

Da der offene Sternhaufen und das diffuse Nebelgebiet IC 2944 aus dem hellen Milchstraßenband etwas südlich herausragt, lässt es sich mit bloßem Auge noch ausmachen. Der nordwestlich liegende erheblich leuchtstärkere Eta-Carinae-Nebel NGC 3372 und der Wishing Well Cluster NGC 3532 bieten zum Auffinden eine wertvolle Orientierungshilfe.

Der weiße Rahmen kennzeichnet den im Folgenden betrachteten Beobachtungsausschnitt, der bei einer theoretischen Pixelauflösung von etwa 2,1“ zu einer Bildgröße von 2,1°×2,6° führt.

Abbildung 5: IC 2944/IC 2948 im Gesamtbild (LRGB und H-alpha)

Die Aufnahmen werden mit der CCD-Kamera Moravian G3-16200 an dem Refraktor APM/LZOS 115 mit Riccardi-Reducer 0,75x bei 598mm Brennweite gewonnen. Die optische Ausrüstung lässt sich auf einer Skywatcher EQ-8 Montierung ohne Autoguiding nachführen.

Montierung und Teleskop sind von DeepSkySafaris gemietet [4]. Die folgende Abbildung zeigt das Equipment vor einer Windschutzwand, das während der drei Wochen von mir verwendet wird.

Abbildung 6: Teleskopausrüstung auf der Rooisand Desert Ranch

Mithilfe der LRGB-Filter der Astrodon Gen 2 E-Series und dem Astrodon Narrowband H-alpha 3nm werden Luminanz-, Rot-, Grün- und Blau-Subframes á 180s Belichtungszeit und H-alpha-Bilder mit jeweils 450s aufgenommen. Damit ergibt sich eine Gesamtbelichtungszeit von 2h 33min. Sie fällt im Vergleich mit den anderen Objektaufnahmen aus Namibia nicht nur relativ kurz aus, sondern auch das Aufteilungsverhältnis ist ungünstig: Auf die Luminanzbelichtungen entfällt etwa genau so viel Zeit wie auf jede der Farb-Komponenten. Das liegt daran, dass die für dieses Objekt geplante Beobachtungsnachthälfte am 4.06.2022 von allen 18 nutzbaren sternenklaren Nächten die bezüglich Transparenz schlechteste war. Teilweise bildeten durchziehende Wolkenschlieren starke Höfe um die hellen Sterne, sodass ein Großteil der Aufnahmen auszusortieren war. Da die H-alpha-Bilder weniger empfindlich reagierten, beträgt allein ihr Anteil an der Gesamtbelichtungszeit bereits 1h 15min.

Die Sensortemperatur liegt bei ‑20°C. Der H-alpha-Kanal ist dem Rotkanal beigemischt, wobei die Bearbeitung der Sterne und des Nebelhintergrundes getrennt durchgeführt sind.

Große Verwirrung um IC 2944 und IC 2948

Das Hauptmotiv der Abbildung 5 ist der in der unteren Bildhälfte dominante Emissionsnebel. Er hängt dem Zentauren quasi am Ende seines hinteren Beines, welches durch den hier hellsten Stern Lambda Centauri markiert wird. Um diesen Bereich zu kennzeichnen, wird in den meisten Fällen der Katalogeintrag IC 2944 oder der volkstümliche Name „Running Chicken Nebula“ („Rennendes Huhn Nebel“) verwendet. Auch „Lambda Centauri Nebel“ ist eine häufig vorkommende Benennung. Dennoch besteht hinsichtlich der genauen Position, der Ausdehnung und weiterer alternativer Bezeichnungen in den zahlreichen Katalogen, App-Datenbanken und Literaturquellen eine deutliche Definitionsunsicherheit. Die folgende Abbildung soll hierzu Klarheit schaffen.

  Abbildung 7: IC 2944/IC 2948 mit umgebenden Emissionsnebeln und offenen Sternhaufen

Die Katalogeintragungen IC 2944 und IC 2948 werden zuweilen für denselben oder auch verschiedene Emissionsnebel verwendet, die sich je nach Quelle teilweise überlappen, hintereinander liegen oder separat positioniert sind. In manchen Fällen wird damit auch zwischen Nebel und Sternhaufen unterschieden. Es kommt sogar vor, dass von zwei verschiedenen physischen Sternhaufen gesprochen wird, die sich hier überlagern oder von nur zufällig verstreuten heißen Sternen. [5]

Der Astronom Royal H. Frost arbeitete zwischen 1902 und 1905 als Beobachtungsassistent an der Station des Harvard College Observatory in Arequipa (Peru). Auf einer 4-stündig belichteten Fotoplatte fand er am 5. Mai 1904 unter vielen anderen Nebeln diese beiden Objekte. Das heute als IC 2944 bekannte Objekt wurde von ihm als Nebel um Lambda Centauri kommentiert, sodass er sich offensichtlich auf den fast senkrechten hellen Rand westlich des Sterns (lam Cen, siehe Abbildung 7) bezog. Das heute IC 2948 genannte Objekt beschrieb Frost als Nebelfleck. Damit meinte er den viel größeren und helleren, also zentralen Bereich der HII-Region. [6]

Im Folgenden werde ich diese historisch begründeten Definitionen verwenden.

Der Katalogeintrag IC 2944 wird heute nicht selten fälschlicherweise auch für den hellen Hauptbereich oder für den gesamten sichtbaren Nebelkomplex verwendet. Dies ist bei vergleichenden Recherchen zu berücksichtigen.

Der Running Chicken-Nebel

Der in Abbildung 7 für IC 2948 eingezeichnete Kreis beschreibt etwa die Ausdehnung des zentralen Emissionsnebels und besitzt eine Winkelöffnung von 20‘. Die Entfernung dieser Region wurde in den letzten 100 Jahren mit riesigen Schwankungen angegeben. Heute findet man Werte zwischen knapp 6.000 und gut 7.000 Lichtjahren, sodass man von einem häufig zitierten mittleren Wert von 6.500 Lichtjahren ausgehen kann. Damit ergibt sich ein Objektdurchmesser von 38 Lichtjahren. Zusammen mit IC 2944 und den übrigen Emissionsgebieten dieser großartigen Himmelslandschaft, die ungefähr im gleichen Abstandsbereich liegen, betrachten wir eine HII-Region mit einem Gesamtdurchmesser von etwa 70 Lichtjahren, siehe auch großer Kreis in Abbildung 9. [8][9]

Andere Bezeichnungen für IC 2944 bzw. IC 2948 sind RCW 62, Gum 42 oder BRAN 362A bzw. vdBH 122.

Wo ist das „Running Chicken“?

Beide Katalogeinträge IC 2944 und IC 2948 sind mit dem Spitznamen „Running Chicken“ assoziiert. Angeblich rührt der Name von einer Gruppe von Sternen, die einem laufenden Huhn ähneln [8]. Ich muss zugeben, dass ich dieses Cluster nicht gefunden habe.

Leichter fällt es dem Betrachter, im gesamten Emissionsnebel eine derartige Gestalt zu erkennen. Meistens stellen die außerhalb liegenden HII-Regionen Gum 39/40 und Gum 41 jeweils ein Bein bzw. den Kopf und zwei Beine dar.

Abbildung 8: Fragwürdig: Wo versteckt sich das rennende Huhn?

Einige Quellen berichten, dass das Running Chicken sehr viel kleiner ist und im zentralen Bereich von IC 2948 laufen soll. Vielleicht ist es bereits weggeflattert?

Die Centaurus OB2-Assoziation

In der astronomischen Datenbank SIMBAD sind sowohl IC 2944 als auch IC 2948 nicht als Emissionsnebel, sondern als offene Sternhaufen deklariert. Damit erklärt sich, warum das Zentrum von IC 2944 etwa 10‘ weiter südöstlich als in Abbildung 7 angegeben ist. Hier liegen die meisten OB-Sterne, eingebettet im Wolkenkomplex von IC 2944 und IC 2948. Diese Gruppierung ist auch bekannt als Centaurus OB2-Assoziation [5][6].

 Abbildung 9: Centaurus OB2-Assoziation und IC 2944 als zentraler Sternhaufen

In obiger Abbildung ist der Mittelpunkt des Kreises für IC 2944 gemäß SIMBAD-Angabe positioniert. Allerdings besteht Uneinigkeit darin, um wie viele offene Sternhaufen es sich in diesem Bereich und im weiteren Umfeld tatsächlich handelt. Viele astronomische Gruppen wie z.B. G. Baume et. al. [10] oder H. M. Tovmassian et. al. [11] führten hierzu umfangreiche Untersuchungen durch.

Um die aktuellsten Daten aus SIMBAD zu berücksichtigen, habe ich im Zentralbereich von IC 2944/2948 heiße Sterne mit der Spektralklasse O selbst herausgesucht und in folgender Abbildung gekennzeichnet.

Abbildung 10: Heiße Sterne im Zentralbereich der Centaurus OB2-Assoziation; Angabe der Spektralklasse und Entfernung in Lichtjahren

Die in den Klammern angegebenen Werte enthalten die Entfernungen zur Sonne in Lichtjahren. Der hellste Stern ist das bedeckungveränderliche Binärsystem HD 101205 (Bildmitte). Es besitzt den Spektraltyp B7/8Ib, welcher vor einigen Jahren aber noch mit O8V oder O7II beschrieben wurde. Die Entfernungen lassen sich mit Ausnahme eines Vordergrundsterns „OB- (3856)“ in zwei Gruppen einteilen. Zwölf Kandidaten streuen im Bereich von etwa 7.500 Lichtjahren und zwei um etwa 10.500 Lichtjahren.

Wie Baume et. al. mit erheblich mehr Sternen feststellten, ergeben sich noch kleinere Sternansammlungen in einer Entfernung von etwa 26.000 Lichtjahren. Dies deutet darauf hin, dass wir es mit zumindest drei Populationsgruppen zu tun haben, die nur scheinbar eng zusammenliegen. [10]

Abbildung 11: Blickrichtungsachse von der Sonne tangential zum Sagittarius-Carina Arm unserer Galaxie mit drei beobachteten Sterngruppen A, B und C

Da die Blickrichtung annähernd tangential in den nächstinneren Sagittarius-Carina Arm erfolgt, sind die großen Entfernungsunterschiede leicht zu erklären. Die beiden „nahen“ Sterngruppen A und B liegen deutlich vor und die entferntere C erheblich hinter dem Tangentenpunkt der galaktischen Sichtlinie. Der Running Chicken Nebel liegt demnach rund 1.000 Lichtjahre vor dem Cluster A und ist so transparent, dass das Licht der Sterngruppen relativ ungehindert hindurchscheint. Dies ist umso bemerkenswerter, weil das Licht der O-Sterne in Abbildung 10 noch relativ weiß bis bläulich-weiß erscheint, also keiner allzu großen Extinktion unterliegt.

Ferner lässt sich in Abbildung 10 unschwer feststellen, dass IC 2948 im Vergleich zu den Randgebieten des gesamten Emissionsnebels einen Farbstich in Richtung grau-weiß und violett aufweist. Dies deutet darauf hin, dass er auch Reflexionsnebelanteile besitzt. Sehr viel Staub wurde von den jungen Sternen bereits in eine umgebende ringförmige Struktur getrieben, die sich in Abbildung 7 unten links als dunkler Randbereich bemerkbar macht. In wenigen Millionen Jahren wird der gesamte Nebel langsam verblassen [12].

Der Stern Lambda Centauri (HD 100841) liegt übrigens deutlich näher und gehört nicht zum Nebelkomplex, siehe Abbildung 7. Er ist als Vordergundstern nur knapp 400 Lichtjahre von der Erde entfernt [7].

Thackeray's Globulen

In der Mitte des Nebelkomplexes IC 2944/2948 zeichnen sich vor dem Hintergrund des prächtig leuchtenden Wasserstoffgases einige dichte, opake Wolken aus interstellarem Gas und Staub ab. Diese Bok-Globulen wurden erstmals 1950 von dem südafrikanischen Astronomen A. D. Thackeray beobachtet. Sie heißen daher auch „Thackeray‘s Globulen“. [8]

Abbildung 12: Thackeray’s Globulen im Zentrum von IC 2944/2948

Die größte dieser dunklen Globulen besteht wahrscheinlich aus zwei einander überlappenden Wolken, die jeweils einen Durchmesser von etwa einem Lichtjahr besitzen. Der in obiger Abbildung eingezeichnete Maßstab basiert auf einer Entfernung von 6.500 Lichtjahren.

Bok-Globulen gelten meist als Orte aktiver Sternentstehung. Obwohl innerhalb der Globule 6 Sterne entdeckt werden konnten, ist es fraglich, ob die Materie der beiden Wolken, die etwa dem Äquivalent von 15 Sonnenmassen entspricht, ausreicht, um zu kollabieren und massereiche Sterne zu bilden. Man geht aktuell eher davon aus, dass Thackeray‘s Globulen vorher von der intensiven Ultraviolettstrahlung der jungen, heißen Sterne zerteilt und erodiert werden, die bereits den hellen Emissionsnebel anregen und aufheizen. [9][13][14]

In Aufnahmen des Wide-Field Infrared Survey Explorer (WISE) der NASA verschwinden die dunklen Staubklumpen und geben den Blick auf dahinter liegende Sterne frei. Es handelt sich demnach um kaltes Gas [12].

Weitere HII-Regionen

Abbildung 7 zeigt westlich des Hauptemissionsnebels noch drei kleinere HII-Regionen: Gum 39, 40 und 41. Über diese drei Regionen ist nur wenig bekannt und es ist nicht einmal klar, ob sie mit dem Komplex IC 2944/2948 in Verbindung stehen. Die in den verschiedenen Quellen angegebenen Entfernungen weisen erhebliche Toleranzbereiche von bis zu einigen Tausend Lichtjahre auf. Man kann aber davon ausgehen, dass diese HII-Regionen mindestens ein- bis zweitausend Lichtjahre weiter von uns entfernt liegen als IC 2944/2948. [7][15][16][19]

Die beiden nördlichen Gebiete werden auch als RCW 60 (Rodgers, Campbell & Whiteoak) zusammengefasst. Die folgende Abbildung zeigt die Region.

 Abbildung 13: RCW 60 mit den enthaltenden HII-Regionen Gum 39 und Gum 40 mit IC 2872

Dieser Nebel wurde ebenso wie IC 2944/2948 von R. H. Frost 1904 auf fotografischen Platten entdeckt. Der nördlichste Teil Gum 39 (RCW 60a) wird vom Stern HD 99897 beleuchtet. Seine Spektralklasse O6.5IV macht es wahrscheinlich, dass er hier der wichtigste ionisierende Stern ist. [15]

Der sich südlich anschließende Ausläufer Gum 40 (RCW 60b) ist mit dem Nebel IC 2872 assoziiert. Ein als Ionisationsquelle infrage kommender Kandidat ist der Stern HD 99898. Nach SIMBAD gehört er allerdings nur der Spektralklasse B2/5III an, wonach er zu kühl wäre. Georgelin et. al. klassifizieren ihn allerdings mit O9V. [16][17]

Der hellste Teil der diffusen HII-Region ist als IC 2872 katalogisiert.

Abbildung 14: IC 2872 als hellster Teil der HII-Region Gum 40

Das IC-Objekt weist zwei oder drei helle Lappen auf, die durch relativ schmale Staubbahnen getrennt erscheinen. Die Konstellation dieser Nebelknoten erinnert an den Trifid-Nebel. [18]

Am unteren Rand der Abbildung 14 ist der Reflexionsnebel GN 11.26.6.01 zu erkennen. Mit seiner weiß-bläulichen Färbung bringt er etwas Farbe ins Spiel.

Die im Süden liegende HII-Region heißt Gum 41 oder RCW 61. Sie zeigt etwas mehr Struktur als Gum 40.

 Abbildung 15: HII-Region Gum 41 (RCW 61)

RCW 61 wird von den beiden O9-Riesen HD 100099 und HD 100444 ionisiert. Zusätzlich sollen noch drei B-Klasse-Sterne beteiligt sein. [19]

Der Perlenhaufen NGC 3766

Am oberen Rand des Gesamtbildes (Abbildung 5) befindet sich der offene Sternhaufen NGC 3766, siehe auch Abbildung 7. Er wurde im Jahr 1751 vom französischen Astronomen Nicolas Louis de Lacaille entdeckt. Mit einer Entfernung von etwa 5.700 Lichtjahren liegt der auch Perlenhaufen genannte Cluster etwas näher als IC 2944/2948. Der Durchmesser ergibt sich damit zu ungefähr 25 Lichtjahren. Dieser Bereich gehört dennoch zur riesigen Sternentstehungsregion, die als Carina-Molekülwolke bekannt ist. Zur so genannten Carina OB2-Assoziation wird er allerdings nicht mehr gezählt [2]. [20][21]

Abbildung 16: Der Perlenhaufen NGC 3766

Der Sternhaufen besteht aus über 130 Sternen, deren Zugehörigkeiten aber nicht vollends gesichert sind. NGC 3766 ist mit einem geschätzten Alter von 14 Millionen Jahren relativ jung. Die meisten Sterne gehören den heißen Unterklassen der Spektralklasse B an, z.B. HD 100943 mit B1Iab. Ferner finden sich hier die zwei roten Überriesen HD 306799 und V910 Cen, sowie vier Ap-Sterne. [21]

Abbildung 17: Viele Sternarten in NGC 3766

Ein Ap-Stern gehört der Spektralklasse A an und weist im Spektrum als Besonderheit („peculiar“) außergewöhnlich starke Linien des Chrom, Mangan und Siliziums oder Strontiums auf [22].

Der Sternhaufen enthält zudem elf Be-Sterne wie z.B. HD 306791. Diese B-Klasse-Sterne besitzen Emissionslinien („emission lines“) in den Fraunhoferlinien und hohe Rotationsgeschwindigkeiten, die zur Abplattung an den Polen führt. Die Fliehkräfte können fast so groß wie die Gravitationskräfte am Äquator werden. Be-Sterne zeigen auch eine ausgeprägte Veränderlichkeit in der Stärke der Emissionslinien, meist auch in ihrer Helligkeit. [23]

Mithilfe des Leonhard-Euler-Teleskops in Chile wurden im Perlenhaufen über einen Zeitraum von sieben Jahren 36 Sterne entdeckt, die einer bisher nicht beschriebenen Klasse veränderlicher Sterne anzugehören scheinen. Diese B-Sterne sind erst etwa 20 Millionen Jahre jung und rotieren sehr schnell. Ihre Helligkeit schwankt mit 0,1% in zwei bis zwanzig Stunden. Diese Variation ist zwar nur gering, lässt sich aber nicht mit den bekannten Sternmodellen erklären, welche in dem zugehörigen Zustand des Hertzsprung-Russell-Diagramms keine Pulsation vorhersagen. Hierzu gehört z.B. CPD-60 3165. [25][21][24]

Planetarischer Nebel PN Hf 69

Beim weiteren Absuchen des Gesamtbildes entdeckte ich nordöstlich und außerhalb des Emissionsnebels IC 2944/2948 ein kreisrundes rot-blaues Nebelobjekt.

Abbildung 18: Planetarischer Nebel PN Hf 69

Laut SIMBAD handelt es sich um den planetarischen Nebel PN Hf 69. Im Katalog südlicher planetarischer Nebel von Karl Gordon Henize wurde er als Hen 2-72 aufgenommen. Eine Ausmessung ergibt einen Durchmesser von 2,24‘. Er ist damit groß, besitzt aber eine relativ niedrige Oberflächenhelligkeit.

Weitere Deep-Sky-Objekte

Östlich von PN Hf 69 befindet sich eine Gruppe von blauen Sternen, die als offener Sternhaufen Stock 14 bekannt sind, siehe Abbildung 7. Sie liegen etwa 8.500 Lichtjahre entfernt.

In ähnlicher Distanz, aber auf der entgegengesetzten Seite vom Running Chicken Nebel ist der Sternhaufen Ruprecht 94 zu finden. Er ist wenig auffällig. [7]

Abbildung 19: Offener Sternhaufen Ru 94 und Reflexionsnebel

Östlich von Ru 94 sind schwache Reflexionsnebel zu entdecken, die sich durch eine blaugraue Färbung bemerkbar machen. Während der linke Reflexionsnebel unter vdBH 51 katalogisiert ist, habe ich über die rechte sichelförmige Struktur keine Hinweise finden können.

Das Running Chicken, welches angesichts der großen Nachbarn im Sternbild Carina [2][3] häufig als wissenschaftlich nicht so wertvoll deklariert wird, hat doch interessante Spuren hinterlassen, wie ich finde. Der folgende schmale Streifenausschnitt aus dem Gesamtbild demonstriert zumindest die kosmischen Schönheiten in dieser Sternen- und Nebellandschaft.

 Abbildung 20: Streifenausschnitt aus Gesamtbild

 

[1] https://rooisand.com/: Rooisand Desert Ranch

[2] https://www.astro-os.de/418-0-Im-Reich-der-Superlativen-Eta-Carinae-Nebel-NGC-3372-Dezember-2022-Burkhard-Luehrmann.html: Im Reich der Superlativen: Eta-Carinae-Nebel NGC 3372

[3] https://www.astro-os.de/443-0-Statue-of-Liberty-Nebula-Jan-2023-Burkhard-Luehrmann.html: Die Freiheitsstatue zwischen ihren Sternhaufen: Statue of Liberty Nebula NGC 3576, Starburst-Region NGC 3606 und Umgebung

[4] https://www.deepskysafaris.com/de: DeepSkySafaris

[5] Y. Nazé et. al.: X-ray properties of the young open clusters HM1 and IC2944/2948, A & A 555, A83 (2013)

[6] Bo Reipurth: Young Stars and Molecular Clouds in the IC 2944/2948 Complex, Handbook of Star Forming Regions Vol. II, Astronomical Society of the Pacific (2008)

[7] SIMBAD Astronomical Database – CDS (Strasbourg)

[8] Wikipedia: IC 2944

[9] https://apod.nasa.gov/apod/ap080418.html: IC 2948: The Running Chicken Nebula

[10] G. Baume et. al.: A deep and wide-field view at the IC 2944 / 2948 complex in Centaurus, MNRAS Vol. 443, 411-422 (2014)

[11] H. M. Tovmassian et. al.: OB stellar associations in the direction of Centaurus OB2, AJ 115, 1083-1095 (1998)

[12] https://www.spektrum.de/news/das-rennende-huhn-ic-2944/1123765: Das „rennende Huhn“ IC 2944

[13] https://de.wikibrief.org/wiki/IC_2944: IC 2944

[14] https://apod.nasa.gov/apod/ap081228.html: Thackeray's Globules

[15] http://galaxymap.org/cat/view/gum/39: Gum 39

[16] http://galaxymap.org/cat/view/gum/40: Gum 40

[17] Y. M. Georgelin et. al.: Deep Hα survey oft he Milky Way, A & A 357, 308-324 (2000)

[18] http://www.docdb.net/show_object.php?id=ic_2872: IC 2872

[19] http://galaxymap.org/cat/view/gum/41: Gum 41

[20] https://freestarcharts.com/ngc-3766: NGC 3766 - Pearl Cluster - Open Cluster

[21] Wikipedia: NGC 3766

[22] Wikipedia: Ap-Stern

[23] Wikipedia: Be-Stern

[24] https://www.eso.org/public/germany/images/eso1326a/: Der Sternhaufen NGC 3766

[25] N. Mowlavi et. al.: Stellar variability in open clusters, A & A 554, A108 (2013)

 

 




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